02/2005 Halleluja Mafia
Dem Christen eine Christin – die Halleluja Mafia unter sich
Als ich in der Bibelgruppe angehender Kinder- und Teenischrecks die Unverschämtheit besass zu fragen, wer aus den ca. 60 Anwesenden (jaja, wir Lehrerinnen und Lehrer sind eine fromme Gattung) nicht aus einer klassisch christlichen Familie stamme, gingen nur etwa drei Hände in die Höhe. Das erinnerte mich irgendwie an Harry Potter: Vater ein Magier, Mutter eine Magierin – ergo: Kind ein/e MagierIn; Vater ein Muggel (kein Zauberer), Mutter ein Muggel: Kind ein Muggel. Sowohl bei den Christen, wie auch bei Harry Potter liegt die Fehlerquote irgendwo um die 5%.
Läuft da was falsch? Unsere Kirchen reden doch ständig davon, den ganzen Brotteig dieser Gesellschaft zu durchsäuern, doch das einzige, was dabei sauer wird, sind die Passanten, die von Angst einflössenden Traktaten der Möchtegern-Wanderprediger belästigt werden.
Sind wir doch ehrlich: Solange die Zulaufrate, trotz den Milliarden aus unseren 10ten, Kirchensteuern und hunderttausenden von freiwilligen Arbeitsstunden, die wir für Gottes Reich auf Erden einsetzen, so mickrig ist, sind wir wohl eine der uneffektivsten Gruppierungen des Universums. Laut Darwin wären wir sogar längst vom Aussterben bedroht – nur gut, dass viele von uns nicht an Darwin glauben! Nein, wer die Christen etwas studiert, merkt bald, dass sie am liebsten unter sich bleiben, sich um sich selber drehen und sich selber reproduzieren.
Klare(s Ab)Grenzen zwischen „christlich“ und „säkular“ verhindert systematisch ein Wechseln der Seiten („bekehren“). Das Seelenheil der Szene kriegt man schliesslich nicht so leicht: Dazu muss man sich zuerst die christliche Ausdrucksweise aneignen, Sonntags früh aufstehen, brave Musik hören und einen ganzen Katalog von Bedingungen erfüllen. Sonst gibt es keinen Eintritt im Royal-Club. Wozu dann soviel Geld aufwerfen? Geld dient, wie bei allen Insiderklubs, als Barriere für neue Mitglieder, die die Radikalität der Versippung gefährden könnte – es ist ein Selektionsmittel! Wenn die Sippe Geld ausgibt, dann tut sie es vornehmlich ohne in die Sorgen und Probleme der Menschheit zu investieren, ohne soziale Verantwortung zu übernehmen. Viel lieber baut man neue Häuser oder kauft PA-Anlagen und Kirchenorgeln. Evangelisation ist nur gut, wenn sie mit genügend Auflagen verbunden ist, die einen allzu leichten Zugang zu Gott verhindern. Wer den Sprung in die Szene schafft, soll sich in einem ewigen Schleif- und Anpassungsprozess den Regeln des Klubs anpassen. Aus diesem Grund finden die meisten der Wenigen, die den Weg in unsere Kirchen gefunden haben, den Ausgang noch viel schneller. Nach „geglückter Bekehrung“ folgt der „geglückte Abgang.“ Und das ist gut so für die Szene: In Tat und Wahrheit wollen die Christen in diesem Land ja unter sich sein und können niemanden gebrauchen, der etwas am System verändert.
Gehört man jedoch zum Klub, ist der Kontakt nach aussen schwierig. Wer sich zu weit zum Fenster hinauslehnt, der fliegt Kopf über aus dem Haus. Wenn die Christen nicht von der Welt verstanden werden wollen, wer wundert sich denn da, dass auch die Christen die Welt nicht verstehen. So bleibt man ihm rosaroten Elfenbeinturm, wo die kollektive Gleichschaltung die Angst vor dem anders sein aus dem Weg räumt. Besonders, wenn es um so wichtige Sachen wie die Liebe geht. Wer es nicht schafft, sich an eine Kirchenbanknachbarin oder an einen Kirchenbanknachbar heranzukuscheln, besucht entweder ein Adonia-Lager oder füllt eine Anmeldung für das VBG-Skilager aus. – Dem Christen eine Christin, damit auch das Kind wider christet! – So geht der Kreis ewig weiter und die Hallelujamafia bleibt unter sich. Verändert sich denn gar nie etwas? Zum Glück schon, denn wenigstens kriegen Christen wesentlich mehr Kinder als der Rest der Gesellschaft und wenn die Christen in der Überzahl sind, werden sie vielleicht gezwungen, ihren Insider-Klub aufzulösen und endlich der Welt um sie herum zuzuhören.
Ich als Kolumnist muss indes zugeben, dass leider auch ich mir nur schwer vorstellen kann, diesen christlichen Reinkarnationszyklus zu durchbrechen und mich eines Tages mit einer glaubensdistanzierten Weiblichkeit zu vermählen. Naja – warten wir mal den nächsten Frühling ab, der bestimmt kommen wird!
Euer Muck
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Mucks Kolumne "Halleluja Mafia" [34 KB]

