12/2005 Die Geschichte beginnt
Die Geschichte beginnt
Späte Weihnacht
Ich erzähle euch nun eine Geschichte. Eine Weihnachtsgeschichte. Sie beginnt, genauso, wie man dies von einer Weihnachtsgeschichte eben erwartet, mitten in einer grossen, grauen Stadt, tief in Nebel getaucht, dunkel und kalt. Zwar eben nicht ganz dunkel, denn schliesslich ist es ja Weihnachten und zu dieser Zeit leuchten in der Stadt hinter den Nebelschwaden immer die Lichter der Adventsbeleuchtung. Aber irgendwie vermag uns dies nicht davon abzulenken, dass es eigentlich eine düstere Zeit ist. Vielleicht gerade deshalb der Wunsch nach glühenden Kupferdrähten und fluoreszierendem Neon auf unseren Strassen. Der Name der Stadt, in der diese Geschichte passiert, spielt keine Rolle. Ob Zytglogge, Barfüsslerplatz oder Niederdorf. In diesem dichten Nebel sieht man sowieso nichts. Ausserdem will die Person, um die es in unserer Weihnachtsgeschichte geht, ein junger Mann, gerade mal etwas über 20, sowieso aus der besagten Stadt raus.
Nicht etwa um zu seinen Verwandten zu fahren, so wie das um die Weihnachtszeit in unserem Land Brauch ist, nein, einfach um nicht in dieser Stadt zu sein. Vielleicht sollte ich hier noch erwähnen, dass dieser Mann, nennen wir ihn doch einfach Robert, Weihnachten eben nicht besonders mag. Ehrlich gesagt, er hasst Weihnachten sogar. Wüsste er, dass ich jetzt gerade eine Weihnachtsgeschichte über ihn schreibe, er würde es mir bestimmt übel nehmen. „Weihnachtsgeschichten“, so sagt Robert, wenn man ihn danach fragt, „sind mir entweder zu verlogen oder zu fromm.“ Deshalb will er dieses Jahr keine solche Geschichte hören. Er will auch keine Geschenke bekommen und erst recht keine verteilen. Nicht weil er Geschenke nicht mag, was ihn stört, ist der Zwang, der dahinter steht. Robert will überhaupt keine Weihnacht und auch nichts, was ihn daran erinnert, dass Weihnacht sein könnte. Deshalb hat er den Rucksack gepackt. Deshalb will er raus aus dieser Stadt. Und hier beginnt unsere Geschichte endlich:
Als Robert das Haus verlässt, ist es gerade im Begriff, hell zu werden. In der Stadt sind nur vereinzelt Leute zu sehen. Wer hätte auch unterwegs sein sollen? Es gibt jetzt nichts mehr zu kaufen, denn die Läden sind heute geschlossen und wenn die Läden geschlossen sind, gibt es auch niemanden, der darin arbeiten muss. Auch Post wird keine verteilt, denn es ist ja, wie gesagt, Weihnachten. Die einzigen, die heute arbeiten müssen, sind die Tramchauffeure. Auch wenn zurzeit noch niemand unterwegs ist und die Trams leer sind. Später, ja, gegen Nachmittag, werden viele mit den Trams zu ihren Verwandten fahren. Zu ihren Müttern, Vätern, Tanten und Onkeln. Robert will ihnen nicht begegnen. Die wenigsten dieser Weihnachtspendler werden sich auf das „Fest der Liebe“ freuen. Aber sie müssen es eben über sich ergehen lassen. Sie können sich nicht dagegen wehren.
Auch Robert kann sich nicht wehren. Er kann nur davonlaufen. Letztes Jahr hat er den ganzen Tag in einer Bar gearbeitet. Nicht des Geldes wegen, sondern einfach nur, um zu arbeiten. Robert liebt arbeiten. Besonders im Dezember. Es ist eine wunderbare Ablenkung, man braucht an nichts anderes zu denken. Letztes Jahr hat er einfach die Flaschen gezählt, die er serviert und abgeräumt hat. Er hat kein einziges Mal an Weinachten gedacht. Dieses Jahr aber wartet er an der Tramhaltestelle, um in die Berge zu verreisen. In ein abgelegenes Maiensäss. Um 9.15 steigt er in das Tram und um 10.02 in den Zug Richtung Bündnerland. Es ist heiss im Zug. Robert schwitzt in seinen langen Unterhosen. Er zieht seine Boots und sein Gnägi aus und legte seine Füsse auf den gegenüberliegenden Fahrsitz. Links davon hat er seinen Rucksack hingestellt, so dass im Abteil nur noch ein Sitz frei bleibt, dort, wo er ist. Aus seiner Jackentasche fischt er einen gut sichtbaren Kopfhörer hervor, stülpt ihn über seine Ohren, versteckt das Kabelende hinter seinem Rücken und sein Gesicht hinter einem Roman von Steven King.
In Chur steigt er auf den Bummler um, wo er seinen Mittagsproviant zu sich nimmt. Als er aussteigt schneit es. Die Sicht ist nur mässig, aber er ist gut ausgerüstet und der Aufstieg wird ihm keine Probleme bereiten. Robert schnallt seine Schneeschuhe an, wirft einen Blick auf sein GPS und wandert bergwärts. Der Wanderweg ist nicht mehr auszumachen, der Schnee liegt auf dieser Höhe knietief und noch immer schneit es. Manchmal glaubt sich Robert verirrt zu haben, aber sein GPS weist ihm wieder den Weg, genau so wie der Weihnachtsstern den drei...
Er liebt den Schnee, liebt es, seine Schneeschuhe in die weiche Unterlage zu drücken. Er liebt die klare, kalte Luft hier. Er fühlt sich gut und er weiss, dass heute nicht Weinachten ist. Robert stampft weiter bergwärts. Je höher er steigt, desto heftiger beginnt der Schnee zu fallen und desto schlechter wird die Sicht. Obwohl er vor Anstrengung am ganzen Körper schwitzt, beginnt er jetzt an seine Füsse zu frieren. Manchmal wünscht sich Robert, er könnte sich einfach hinlegen und sich ganz langsam zuschneien lassen. Bis man nichts mehr von ihm sehen würde. Aber dann steht er immer wieder auf und geht weiter. Es fehlen ihm noch 280 Höhenmeter.
Er kann sich nur an eine Weihnacht erinnern, an der es so heftig geschneit hat. 1993. Es war die Weinacht bei seinem Onkel. Danach haben sie nie mehr gemeinsam gefeiert. Auch wenn sie...
Robert wirft einen weitern Blick auf sein GPS. Das Display ist mit Feuchtigkeit unterlaufen und die Anzeige ist kaum mehr zu lesen. Er versorgt das Gerät wieder und kämpft sich weiter durch den Schneesturm. Er weiss, dass er auf dem richtigen Weg ist. Er ist nicht das erste Mal hier und eigentlich ist das Maiensäss nicht schwierig zu finden. Nach einer Weile hält er wieder inne. Dieses Tempo hält er nicht bis oben durch. Er hält es nicht durch, hält es durch...
Vielleicht hatte der Liebe Gott damals sein Gebet gehört, vielleicht auch bloss seine Eltern. Gesprochen hatten sie aber nie darüber. Sie hatten einfach selber einen Christbaum gekauft und in die Stube gestellt, so als ob es nie anders gewesen wäre. Von da an hatten sie jedes Jahr so Weihnachten gespielt. Sie hatten gehofft, er hätte vergessen. Er hat nicht.
Robert rennt weiter, merkt nicht, dass er wieder rennt. Solange es bergauf geht ist alles OK. Ein weiteres Mal lässt er sich vornüber in den Schnee fallen. Alles ist OK.
Er wird ganz allein sein in der alten Hütte, die früher mal ein Stall gewesen ist. Es ist alles sehr einfach eingerichtet dort, einfach, aber gemütlich. Hauptsache er ist alleine, und Hauptsache er hat ein Dach über dem Kopf. Irgendwann. Er mag sich kaum mehr auf den Beinen halten. Alles wäre halb so anstrengend, wenn er nicht seinen Rucksack tragen müsste. Wahrscheinlich fühlt es sich genau so an, wenn man im neunten Monat schwanger ist.
Der Aufstieg nimmt kein Ende. Immer wieder glaubt er, angekommen zu sein, aber jedes Mal, wenn er seine Hütte zu sehen glaubt, entpuppt sie sich später als Ziegen- oder Strohstall. Jedes Mal, wenn er glaubt, angekommen zu sein, wird er ohne Erbarmen weitergeschickt. Robert ist am Ende.
Als er endlich das Maiensäss erreicht, ist es ihm, als sei ein Stern über ihm aufgegangen. Er wirft den Rucksack in eine Ecke, feuert den Ofen ein und zieht trockene Kleider an, stellt eine Pfanne Reis auf den Herd und wartet. Langsam wird es dunkel. Gott sei Dank schneit es noch immer. So sieht er die Lichter im Tal nicht. So ist er ganz allein.
Robert zündet eine Petroleumlampe an und setzt sich neben den Ofen. Er durchsucht seinen Rucksack nach dem Roman von Steven King, merkt aber, dass er diesen wohl im Zug liegen gelassen hat. Also wartet er weiter. Die Zeit vergeht. Aber er denkt nicht an Weihnachten. Denkt nicht an Weihnachten, denkt nicht an…
Irgendwo im Schrank, sofern er sich richtig erinnert, liegt eine Schachtel mit einem Monopoly. Er kramt das verstaubte, in einen Karton verpackte Spiel hervor und stellt auf. Vier Spieler. Viermal 1 10’000er, 5 2’000er, je 8 1’000er, 200er, 100er und 20er. Vier Figuren auf Start. Er ist rot, hat eine Neun und kauft Thun. Dann kommt seine Tante. Sie landet auf Chance. Sein Onkel wirft eine 10. Gefängnis, bloss besuchsweise. Seine Eltern spielen zusammen. Sie kaufen Aarau. Niemand sagt etwas. Es wird nur gespielt. Seine Schwester spielt natürlich mit ihm zusammen. Sie würfelt und er fährt. Biel, kaufen. Die Würfel gehen zu seiner Tante weiter. Sie würfelt nicht. Hält inne und schaut ihn an. Sagt nichts, aber schaut ihn an. Ihre Lippen zucken.
„Du hast es gewusst. Du hast es immer gewusst“, schreit er sie an, „aber du hast nichts getan. Hast zugeschaut. Warum? - Warum habt ihr nichts getan? Warum habt ihr geschwiegen, als ihr hättet schreien müssen?“
Seine Tante beginnt zu zittern, seine Eltern schauen ihn verzweifelt an. Dann verschwinden sie. Stück für Stück, bist nur noch das Entsetzen in ihrem Gesicht zurückbleibt. Sein Onkel ist im Gefängnis. Robert weint. Das erste Mal weint er wieder. Es ist Weihnacht.

