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11/2004 Erweckung

4/2003 Der 10 Punkteplan

1/2004 Ans Holz genagelt

Ans Holz genagelt

Nachdem ich endlich meine Sitznachbarin, die sich gezwungen sah, jede Filmszene mit einem Kommentar zu untermalen, freundlich zum Schweigen gebracht habe, geht es los: Seit Wochen freue ich mich auf dieses Kinoerlebnis. Aber dass mir dieser Film so krass einfährt, hätte ich nicht gedacht. Nein, ich rede nicht von Mel Gibsons Horrorstreifen. Solche Filme verbietet mir mein Glaube! (Nur wer ist wie die Kinder...) - und wer will einem Kind schon einen Streifen zumuten, in dem Gewalt in Grossaufnahmen zelebriert, ja gar vergöttert wird. Nein, was ich mir hier zu Gemüte führe, ist kein von Opus Dei empfohlener Selbstkasteiungs-Spielfilm. Im Gegenteil, ich denke, dass der römisch-katholische Orden sogar tiefe Abneigung gegen diesen Film verspüren würde. Denn was ich mir da anschaue, ist die Biographie vom Reformator Martin Luther.

Martin Luther, der Mann, der uns Christen die Freiheit gebracht hat. Der Mann, der Licht in eine Epoche brachte, in der das Christentum noch böse, verlogen und katholisch(1) war . Es sind bewegende Momente, die da auf der Leinwand zu sehen sind. Der Höhepunkt, die Auflehnung gegen die Kirche, beginnt mit seinen Thesen über „die Freiheit eines Christenmenschen“, die Luther an das Holz genagelt hat. An das Holz seiner Kirchentüre. Tja, und von da an geht’s sehr schnell bis das Christentum frei (2) ist und endlich die Bibel lesen darf..., oder sagen wir: lesen dürfte, wenn es das wollte. Irgendwie verstehe ich auch, dass wir nur mässig davon profitieren wollen. Schliesslich ist lesen anstrengend und ach, diese Bibel ist soo dick, Mann! Und wer weiss schon ob da wirklich was Gescheites drin steht. Tja, und wozu haben wir unseren Pastor, der wenigstens so tut, also ob er sie gelesen hätte?

Wobei im 15. Jahrhundert ja genau diese Einstellung vorherrschte... Naja, vielleicht ist das mit der Bibel kein gutes Beispiel. Die Hauptsache ist, dass seit Luther die Mittler zwischen Gott und den Gläubigen weg sind: Denn während die Kirche früher die Wahrheit für sich alleine in Anspruch genommen hat, können wir evangelisch Gläubige hinterfragen. Konkret: Wenn uns der Pastor predigt: „Gott hat mir gesagt, dass er das Wort Scheidung nicht kennt, und deshalb gibt es keine Scheidung vor Gott.“, dann dürfen wir das anzweifeln, ob Gott ihm das wirklich so 1:1 gesagt hat. Einverstanden, vielleicht werden wir dann aus der Gemeinde ausgeschlossen und erhalten Drohbriefe nach Hause, aber ja, wir dürften es theoretisch tun. Hm, ich sehe schon: Klappt auch nicht wirklich...

Wenigstens wird mir aber heute nicht mit dem Fegefeuer gedroht. Zwar... Was man immer wieder, besonders bei modernen Charismatikern (3) hört, sind Sprüche wie etwa „Ich will dir keine Angst machen, aber stell dir vor, ein Tram würde dich heute überfahren – und dein Leben gehörte nicht Jesus!“ Zugegeben, das Fegefeuer kommt hier wirklich nicht mehr vor. Heute schickt man die Leute direkt in die Hölle!

Aber, aber... also irgendeine Verbesserung muss doch stattgefunden haben... Natürlich: Die Ablassbriefe! Also Ablassbriefe gibt es heute nun wirklich nicht mehr. Man könnte vielleicht den 10ten unserer Gemeinden... Aber es wird ja oft so betont, dass kein Druck bestehen soll – obwohl man in den Gemeinden unterschwellig mitbekommt, dass man sich selber entscheidet, ob man nur Christ oder echter, wiedergeborener Christ ist; ob man Schätze im Himmel sammeln will oder nicht. Hm, vielleicht ist doch nicht so anders als damals – ausser dass wir’s in der Bibel nachlesen wie’s wirklich wäre, aber das hatten wir ja schon. Nun, also, vielleicht bleibt noch.... Messewein statt Traubensaft? Die Hostie? Nein, also das nicht...
Der Film ist fertig. Ich sitze im Kino und schaue mir den Abspann an, aber einfallen tut mir nichts mehr. Ausser vielleicht...

„Ans Holz genagelt! – und zwar an jede Gemeinde. Das Christentum braucht neue Thesen und einen neuen Luther. Vielleicht klappt’s ja beim zweiten Anlauf.

1. Der Kolumnist fühlt sich erstmals in seiner Geschichte genötigt, auf den Sarkasmus zu verweisen. Er selbst hat 2 Monate mit Katholiken im Kloster gelebt und so sehr viele positive Eindrücke gewonnen.
2. Vergleiche mit der Kolumne: Evangelische Liberalisierung
3. Vergleiche mit der Kolumne: Der 10-Punkteplan zum Ja-ja-Christen

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Mucks Kolumne "Ans Holz genagelt" [35 KB]