Prospekt News & Infos Datenplan Kontakt

Druckbare Version

Sie möchten einen Einsatzort anbieten?

Impressionen

Adrian Marti Vorausblick

Überblick
Von meiner Arbeit als Schnupperdiakon erwarte ich vor allem ein persönliches Wachstum im gelebten Glauben. Es soll ein Ausbrechen aus dem Kuchen- und Kafichrist sein – ein Nachfolgen von Jesus sein. Ich möchte während diesem Jahr Einblick in die „Parallelwelt“, der Welt der Ausgeschlosenen und Randständigen erhalten und lernen, wie man die Grenzen zu diesem Reich überwindet.

Jüngerschaft, die über die Arbeit hinausgeht
An den verschiedenen Einsatzorten möchte ich besonders von den dortigen Projektleitern profitieren – erfahren, was ihre Motivation ist, Einblick in ihr Leben und ihren Glauben erhalten. Im geistigen Sinne „dem Meister Wasser über die Hände giessen“, hinter die Kulissen schauen und aus der Praxis lernen. Das Lernen findet also nicht (nur) an der „Arbeit“ statt, sondern auch am Frühstückstisch oder am Abendgebet.

Freunde und Freundeskreise
Eine Definition von Diakonie lautet „Dienst am Nächsten“. Deshalb ist es mir ein Anliegen Freundschaften bewusst in meine Arbeit einfliessen zu lassen. Gespräche mit bestehenden und neuen Freunden zu führen, sie dadurch aufzubauen und sie in ihren Visionen und in ihrem Glauben zu stärken. Eine Basis hierfür soll auch der Freundeskreis in Hirzel sein.

Projekt "Brüderschaft"
Durch mein Projekt, die Evangelien oder das ganze Neue Testament abzuschreiben, möchte ich die Erfahrungen der früheren Mönche nachvollziehen lernen. Es ist somit nicht ein reines Bibelstudium, sondern auch eine Suche nach Spiritualität. Ich hoffe so zu erfahren, was die Brüder dazumal für einen Bezug zu der Bibel hatten und wie sie sich bei der (mühsamen) Abschrift dieses Buches gefühlt haben.

Gut Rallingen

Heimat, holde Heimat süss. Ein holprigen Zug stampft, stottert, stöhnt, stockt durch die grüne Pampa von einem Bauernhof zum andern, um bei jedem Kuhfladen die lotterigen Bremsen quietschen zu lassen, wo dann jemand, manchmal auch zwei, selten drei Leute aus- oder einsteigen. Nein, dies ist kein Reisebericht von Russland – ich befinde mich im Bummler Richtung Thun. Vier Wochen im ehemaligen Landschloss „Ralligen“, das von der Christusträger-Communität in eine traumhaftschöne Ferien-Kolonie für kirchennahe Feriengäste errichtet worden ist.

Zwei Stunden zu spät - einerseits wegen des Bummlers, anderseits wegen des (falsch?) interpretierten Fahrplans – treffe ich im Gut Ralligen ein. Die fünf Brüder sind alle ihrer Arbeit nachgegangen und so dauert es ein wenig bis Bruder Kurt, die Gartenschere und die Handschuhe lässig am Gürtel hängend, erscheint und mich in alles einweist. Bald stelle ich erleichtert fest, dass ich hier nichts zu fürchten haben werde und dass diese vier Wochen wohl sehr spannend sein werden. Das Areal der Christusträger ist riesig. Neben dem Schloss stehen noch zwei Chalets mit Gästezimmern sowie eine Scheune mit Werkzeugen, ein Holzhaus mit Werkstatt und Kinderhort, ein Aufenthaltshüttchen und Gartenhäuschen für die Helfer. Ausserdem gehört dazu viel Wald, Garten, Wiese und gar ein wunderschöner Seeanschluss fehlt nicht.

Fürs erste werde ich in einem Gästezimmer einquartiert. Mit dem Eintreffen der ersten Gäste verschiebt sich mein Wohnsitz allerdings in ein putziges Gartenhäuschen, das so süss ist, dass ich hier, wären die Dusche und das WC nicht ausserhalb, ohne weiteres meinen Lebensabend verbringen könnte. Denn endlich ging ein Punkt in meiner „die-vier-Dinge-die-ich-im-Leben-erreichen-möchte-Liste“ in Erfüllung: Mein Traumbett. Eine Doppelpritsche, mit zwei Holzleisten abgetrennt direkt unter dem Holzdach des winzigen, aber süssen Helferhäuschens. Schlafen wie Heidi – oder besser gesagt wie Geissenpeter.

Hatte ich im vorherigen Bericht nicht mal etwas von Frühaufsteherei geschwafelt? Die absolute Schmerzgrenze des morgentlichen Masochismus’ liegt, wie hier feststellen musste, viel, viel tiefer. Mein Palm-Computer pfeift jeweils bereits um viertel vor sechs auf dem gegenüberliegenden Kopfkissen und erinnert mich daran, dass es jetzt Zeit für das Morgengebet ist. Der Kampf, mich zu einer solch (un)christlichen Zeit aus dem Bett zu stürzen, erinnert mich an jenen zwischen David und Goliath. Obwohl ein Sieg unmöglich scheint, geht’s am Schluss mit viel Kraft und (göttlicher) Fügung trotzdem. Nach dem Gebet und dem Morgenessen geht’s jeweils an die Arbeit. Zwischen Kissen nähen, Duschen putzen, Rüebli rüsten, Salat pflanzen und Bäume schneiden umfassen die Arbeiten alle Tätigkeiten, die man sich in einem solchen Gastbetrieb vorstellt. Kurz alles Beschäftigungen, die jenen Typen wie mich, (wenn die Hirnströme nicht zu 100% in Anspruch genommen werden, flattern die Gedanken irgendwo hin) ins ultimative Traumland-Nirvana verfrachtet. So stellte ich mir etwa die Frage, wie man, falls man sich auf den umliegenden Bergen verirren sollte, mit einem Schnürsenkel und drei markanten Fixpunkten in der Landschaft zwei Thaleskreise über die Landkarte konstruieren konnte um so seinen Standort zu bestimmen. Äh, wo kommt der Kochtopf genau hin? Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, habe ich bei meinen Einsätzen in der Küche, sehr viel... Wie auch immer: Das Schönste an der Arbeit ist auch hier, wie könnte es anders sein, die gemeinsame Pause. Hier treffe ich mich mit den Brüdern zu Brot, Käse und Tee

Weil die Arbeit rund um den Gastbetrieb, mag sie noch so streng sein, den Energiebalken eines Twenties nicht vollends zum erliegen bringt, nötige ich mich jeweils am Abend in den februarfrischen Thunersee zu springen. Bruder Kurt begeleitet mich meist. Ob diese Aktion als Verstoss gegen das höchste Gebot (liebe (…) dich selbst) gewertet werden kann? Noch mehr Spass macht mir aber jeweils das „Siedler von Catan“-Spiel, das ich mit den Brüdern am Abend aus der Kiste fische. Sowieso geniesse ich das Mitleben mit den Brüdern. Sei dies beim Video schauen, beim Besuch im Hallenbad oder bei den Diskussionen.

Richtig kommt aber vor allem Leben in die Bude, als 60 Rebländer mit Kind und Kegel alle Zimmer füllen. Ich geniesse diese Hektik sehr und beteilige mich auch gerne an ihren Programmen, wenn es zeitlich drin liegt. Sei dies bei einem Fussballspiel, bei einem Sing- oder an einem Brettspielabend. Auch die Gebetszeiten gewinnen durch die vielen Leute an Dynamik. Dennoch bin ich froh, wenn wir (einige Brüder und ich) uns mal am Sonntagmorgen in die ref. Kirche in Merligen zurückziehen können, um alles etwas ruhiger anzugehen.

Kurzrückblick:
Alles in allem hat mir auch dieses Praktikum sehr gut gefallen. Ich fühlte mich in jeder Hinsicht aufgenommen und gut integriert. Es stellt sich mir einzig die Frage, wie diakonisch meine Tätigkeit effektiv gewesen ist.

Diakonie Nidelbad

Die zweite Woche meines Praktikums verbrachte ich im Diakonenhaus St. Stephanus in Rüschlikon, meinem offiziellen Arbeitsgeber. Das Nidelbad ist so etwas wie die Langstrasse aller christlichen Denkstrukturen. (Ich spreche hier nicht von Drögs und Sex, sondern von der kulturellen Vielfalt und dem Umgang damit). Im Nidelbad steht wohl die einzige Kapelle, die Katholische, Protestantische, Orthodoxe und Bruderschaftliche Tradition in sich vereinigt. Sie hat sozusagen vier „Pray-Floors“, in denen liturgischen Zusammenkünfte stattfinden Dabei wird Ökumene nicht als notwendige Kastration aller von einander abweichenden Traditionen verstanden, sondern als ein an-einander-Bereichern. Einheit in der Vielfalt nennt man das. Für mich war es hoch spannend, vor allem die katholischen Gegebenheiten, die mir bis anhin eher fremd waren, kennen zu lernen.

So viel zum Geistlichen. Obwohl sich das Geistliche hier vom Weltlichten schlecht trennen lässt. Es spielt nämlich überall mit, wie ihr gleich sehen werdet. Zum Beispiel in der Alters- und Krankenpflege. Dies ist nämlich eine tief diakonische Tätigkeit mit Tradition. In den ersten zwei Wochen lernte ich also vorwiegend die Bewohner des dazugehörigen Alters- und Pflegeheims kennen. Entweder bei gemeinsamen Anlässen wie zum Beispiel dem „Mäntigsträff“ und dem „Wäsche-Zusammenlegen“ oder dann bei persönlichen Besuchen in den Zimmer oder bei einer “Rollstuhl-Rallye“ durch den wunderschönen Garten.

Am Anfang war der Umgang mit älteren Menschen ein eher komisches, befremdendes Unterfangen. Je länger je mehr „verliebte“ ich mich aber so fest in diese Leute, dass es mir schwer fiel, mich von ihnen zu trennen. Da war zum Beispiel Herr K., der mich immer wieder für einen Mitarbeiter seiner Firma in Ecuador hielt. Oder Frau F., die zwar mal meine Verlobte war, und sich dann eine Woche später doch wieder sehr abweisend verhielt, weil sie sich von mir umworben sah. Frau K. hingegen war noch sehr klar im Kopf. Sie erzählte mir mit ihren glänzenden Äuglein, die zu mir rüberstarrten, von der Deportation aus der Tschechei, nachdem Hitler seinen grossen Krieg verloren hatte. Nicht ohne immer wieder tief Luft zu holen um dann mit einem kräftigen „Jaah!“ weiterzufahren. Noch mehr leuchteten ihre Augen wenn sie in der Cafeteria ein Bier serviert bekam. Es gäbe tausend Geschichten und Dutzende von Namen, die ich alle zusammen sehr lieb gewonnen habe. Dass es so Spass macht, mit alten Menschen zu arbeiten, wusste ich nicht. Bis jetzt glaubte ich mich selbst eher für Jugendliche und Kinder geeignet.

Wie auch immer. In der dritten Woche durfte ich mich dann in den weissen Kittel stürzen. Pflegedienst auf Stock 5 war angesagt. Waschen, Stuhl leeren, Essen servieren, (reden) und zuhören etc. Der Start war hart, aber nach dem dritten Tag hatte ich mich daran gewöhnt, die Fäkalien im Nachtstuhl zu entsorgen. Ausserdem waren mir mittlerweile auch die Namen der Mitarbeiter und der Bewohner vertraut geworden. Das Schöne an der Pflegearbeit ist, dass man, weil man nur auf einem Stock arbeitet, eine viel tiefere Beziehung zu den Bewohnern aufbauen kann. So verging auch diese Woche wie ihm Nu.

Woche vier und fünf bestanden aus einem Cocktail aus Gartenarbeit, einem historischen Dokument abschreiben, Täfelchen gravieren und Büroarbeit im Gästehaus.

Höhepunkt während dieser Zeit war die Lebensgemeinschaft als solches. Wenn das gemeinsame Essen im grossen Saal vorbei ist und die kleine Lea dem inzwischen Grossvater gewordenen Marco während dem Vorlesen auf den Knien herum turnt, dann verstehst du, was eine solche „Grossfamilie“ ausmacht. – Das Nidelbad zählt ca. ein Dutzend Diakonissen, zwei ledige Diakone und nochmals etwa zehn verheiratete Diakone mit Familien...

Open Heart - Teestube der Heilsarmee

Nach einem turbulenten aber äusserst gelungenen Cevi-Weekend, kam ich um fünf Uhr total erschöpft bei der Teestube an der Langstrasse an. – Gerade rechtzeitig für den sonntäglichen Gottesdienst. Obschon mein Energiebalken längst in den roten Bereich gesunken war, hielt es ein Mitglied dieser Versammlung für notwendig mir gleich eine fundamentalistisch-konservative Standpredigt zu halten. Es sind jene Momente, in denen man am liebsten sagen würde: „Wenn ihr wirklich etwas mit Nächstenliebe zu tun habt, so seid doch so lieb und verschont mich um Herrgottsnamen mit dem Geschwafel.“ Leider verunmöglichten mir meine Position und vor allem mein momentaner physischer Zustand entsprechend zu agieren. So liess ich ihn halt seinen Zeigfinger schütteln und mir von seinem auf mich hereinbrechenden Redeschwall sämtliche Luft wegsaugen. Schliesslich tat er dies ja alles aus reiner Liebe! Wie auch immer. Irgendwie gelang es mir zu entkommen und ich kam doch noch zu meinem wohlverdienten Schlaf.

Am nächsten Tag, nachdem ich wieder zu neuen Kräften gefunden hatte, fuhren Kurt (der Leiter des Open Heart) und ich ins Burghölzli, um einige Bekannte zu besuchen. Leider war von den Personen, die wir besuchen wollten nur mal gerade einer anwesend. Dieser freute sich aber umso mehr, als er uns im Gang entgegenkommen sah. Wir diskutierten übers Kiffen, über Gewalt und andere Sachen, die sein Leben massgebend geprägt hatten. Alles in allem eine sehr positive Erfahrung (ich meine natürlich das Gespräch). Als ich dann beim Retourweg noch feststellte, dass Kurt eigentlich Berner ist und wir zusammen Berndeutsch reden konnten, fühlte ich mich dann wieder komplett genesen.

Mittwoch war es dann endlich soweit. Ich fasste von Kurt eine Heilsarmee-Uniform und Punkt 9.00 war ich beim Zürcher Hauptquartier, um mich für die Topfkollekte anzumelden. So kam es also, dass ich an fast allen prominenten Örtchen von „Down Town Switzerland“ mit einem Dauerlächeln etwas weihnachtliche Stimmung verbreiten durfte. Die „Topfi“ dauerte zwei Wochen (jeweils von Mittwoch bis Samstag) und war nicht nur in finanzieller Hinsicht (knapp eine halbe Million haben wir den Leuten abgehalst) ein voller Erfolg. Ein Teil kam ja schliesslich auch der Teestube zu gute.

Als Belohnung für das lange Stehen und Frieren durfte ich dann das Musical „Deep“ besuchen. Ein hochkommerzialisiertes Farbenspektakel mit genialen Showeinlagen, aber stupider Story. Und weil ich mich einen Jungsozialisten schimpfte, ärgerte ich mich natürlich über die gnadenlose Vermarktung (und schlussendlich Kastration) unserer Kultur. Trotzdem habe ich diesen Abend sehr genossen!

Am Freitagabend, ich kam gerade von der Topfi zurück, öffnete dann die Teestube ihre Pforten. Kurrllige, aber meist liebevolle Gestalten trudelten ein, um sich die Pfoten zu wärmen und sich mit Süssigkeiten, welche die Bäckerei nicht verkaufen konnte, voll zu stopfen. Noch am selben Abend ging ich mit Hans, einem freien Mitarbeiter (nicht von Heilsarmee) auf die Gasse. Offenbar musste sich kurz vorher in der Nähe von uns ein Zwischenfall ereignet haben. Eine Gruppe von Jugendlichen musste sich einen Spass draus gemacht haben, mit einem Baseballpat ein paar heruntergekommene Junkies weich zu klopfen. Ein sicherlich geiles Adrenalinspiel! (Wenn diese Story so stimmte.) Also kamen wir gleich in ein reges Gespräch, das vor allem aus Zuhören bestand. Die Süchtigen reagierten zu meiner Überraschung äusserst positiv auf unser Erscheinen. Sie „entlarvten“ uns sofort als Christen. (Offenbar kommt sonst niemand ohne „Strassen-Kleidung“ hier her). Wir redeten gut und gern zwei Stunden mit ihnen, bevor wir wieder in die Teestube zurückgingen um uns abermals den anderen Gestalten anzunehmen. Die Arbeit in diesem Quartier ist nicht einfach. Die meisten Süchtigen haben schon zwei oder drei mal einen Entzug gemacht und wenn man sie dann motivieren kann es nochmals zu versuchen und sie wirklich einen Platz finden, so landen sie meist nach „gelungener Resozialisierung“ wieder hier auf der Langstrasse.

Sowieso: die Langstrasse mit ihren Seitengässchen ist ein höchst spannendes Quartier. Ich schätze, dass 80% des Kapitals, das hier umgesetzt wird, entweder aus Prostitution, Alkohol oder illegalen Drogen stammt. Das Meiste davon von anonymen Herren, die dieses Gebiet, nachdem sie Befriedigung, welcher Art auch immer, gefunden haben, sofort wieder verlassen. Zurück bleiben Dirnen, Junkies, Alkoholiker, Asylanten oder junge Erwachsene, die noch keine Kinder in die Schule schicken müssen.

Neben der Heilsarmee-Teestube gibt es hier auch noch das Chrischtehüüsli, das von verschiedenen Institutionen (Franziskaner, Open Mission etc.) unterhalten wird, das T-alk (mehr für Alkoholiker) oder den Imbiss54. Eigentlich ein ziemlich buntes Angebot, das auch rege benutzt wird. Während sie sich in der „anderen Welt“ wacker die Köpfe einschlagen, arbeiten hier die verschiedensten Christen in einer absoluten Selbstverständlichkeit zusammen. Man könnt auch böse sein und behaupten, dass diese Leute hier einfach durch ihre Arbeit zwingend stetig mit der Botschaft Christi konfrontiert werden und sich deshalb ihr Glaube mehr praktisch äussert.

Es dauerte nicht lange, bis ich einen Grossteil der „Gassenfamilie“ mit Namen kannte. Die meisten von ihnen sind, wenn sie nicht gerade high sind, sehr offene Persönlichkeiten. Die Geschichte vom bösen, asozialen Junkie habe ich hier definitiv begraben können. Unter diesen Menschen herrscht ein grosse Solidarität und, wie erwähnt, eine Art Verbrüderung.
Mit der Zeit lernte ich auch die verschiedenen Süchte etwas zu klassifizieren. Heroinabhängige etwa machen, im Gegensatz zu Alkoholikern und Koksern, äusserst selten Beschwerden. Schliesslich war auch M. auf Kokain, als er Bruder Beno im Chrischtehüüsli plötzlich die Faust gab. Es lag wohl an seiner Bodenständigkeit und an der Tatsache, dass er sich vergewissern wollte, dass die Digicam diesen Vorfall aufgezeichnet hatte, dass Beno so schnell wieder auf die Füsse kam. (Br. Beno will einen Präventionsfilm drehen.)

Am 24. Dezember fand schliesslich die Gassenweihnacht im grossen Saal der Heilsarmee Zürich statt. Organisiert wurde diese von zahlreichen Christen verschiedenster Herkunft. Dennoch fühlte ich mich als evang. Landeskirchler stark untervertreten. Neben Musik, einem feinen Znacht und dem dazugehörigen Festprogramm für die ca. 150 Gäste, organisierten wir auch noch Gasseneinsätze. Nicht nur um Leute von der Strasse in die gedeckte Stube zu locken, sondern auch um einfach mit diesen Menschen zu reden, die so einsam waren, dass sie nur noch in die Beiz flüchten konnten, um sich ins Koma zu saufen. (Gerade weil Weihnachten so eine lichter- und farbenfrohe Zeit ist, fühlen sich zahlreiche Menschen besonders einsam.) Die Gassenweihnacht war ein ganz spezielles Erlebnis und für mich, obwohl ich eine sehr nette Familie habe, wohl die Beste seit jeher.

Silvester feierte ich schliesslich bei den Franziskanern auf der Insel Werd in St. Gallen. Entgegen allen Vermutungen ging dies alles andere als zurückhaltend über die Bühne. Bruder Beno probierte während Raclette und Wein seine Wasserpfeife aus, die sie ihm auf der Gasse geschenkt hatten, während wir (ca. 20 Gäste) afrikanische Hochzeitstänze einstudierten. Um Mitternacht besuchten wir dann die Messe in der Kapelle um anschliessend selbst gebastelte Bötchen, mit Kerzen und Wünschen bestückt, den Rhein hinunter zu schicken. Am nächsten Tag erlebten wir dann während einer „Trommelreise“ die franziskanerische Mentalität, was nach einem vierwöchigen Aufenthalt in einer Freikirche sehr gut getan hat.

Am fünften Januar endete schliesslich der Einsatz bei der Heilsarmee, der mir von der Arbeit her sehr gut gefallen hat. Was mir während dieser Zeit fehlte, ist die Weite, die ich in der Landeskirche erlebt habe.

Franziskanische Gassenarbeit

Montagmorgen 8 Uhr 45, Zürich Wiedikon. Die letzen Pendler, die ohne 9-Uhr Pass unterwegs sind, schlendern mit ihren einsamen Gesichtern durch das zu Eis erstarrte Zürich Richtung Bushaltestelle. Ich tue es ihnen gleich. Dennoch hebe ich mich irgendwie sichtlich von der Masse ab. Der alte Trekkingrucksack und der aufgebundene Schlafsack ziehen fast magisch alle Blicke in der Linie 31 an. Mehr aus Langweile als aus Neugier. Militär/Langstrasse – ich steige aus: Mein Outfit passt plötzlich wieder bestens. „Cola? Sugar?“, flüstert jemand eilig entgegen. Freundlich winke ich ab und denke für mich: „Hallo Langstrasse, ich bin wieder zu Hause!“ Zwei, drei Strassen weiter stehe ich bereits vor dem Chrischtehüsli. Eine kleine Bude, simpel eingerichtet, mitten im Kreis 4 - Anlauf- und Beratungsstelle für Drogensüchtige. Die franziskansische Gassenarbeit mietet sich hier jeweils montags ein.

Das Chrischtehüsli öffnet um 10 Uhr sein Pforten, bzw. seinen blechigen Rollenladen. Zu dieser Zeit sind in erster Linie die Kaffees chlüfernden Helfer anwesend. Nach und nach gesellen sich dann aber auch unsere Brüder und Schwestern von der Gasse zu uns, um einen Kaffe zu trinken, oder – was häufiger der Fall ist – um sich im Hinterzimmer von der nächtlichen Dealerei, Stoffsuche, Stricherei oder was auch immer zu erholen.

Und dann geschieht etwas, was in diesem Quartier äusserst selten vorkommt: Menschen werden ganz still, sehnen sich danach, selbst Leib Christi zu werden. Dann wieder Lieder und franziskanische Charismatik – nicht aufdringlich, sondern locker und wohltuend. Bis 12.30 Uhr ist jeweils ein einfaches Mittagessen, das vorwiegend aus mitgebrachten Sachen besteht, auf den Tisch gezaubert. Gegessen wird aber erst, wenn das Brot gesegnet wurde. Ein Ritus, den auch unseren Freunden von der Gasse sehr wichtig geworden ist, denn oftmals ist dies der einzige Ort, wo sie etwas Spiritualität erleben können.

Nach dem Essen gehen einige auf die Gasse, um Menschen anzusprechen, oder nur, um das Gebet auf die Strasse hinauszutragen. Um 15.45 Uhr erneut ein kleiner spiritueller Impuls mit Fürbittegebet, bei dem auch Süchtige mitmachen. Während dem Abendgebet um 18.00 Uhr sind die einen bereits wieder mit Kochen beschäftigt. Dabei versuchen sie rege die Betroffenen mit einzubeziehen in der Hoffung, dass jene dies irgendwann auch selbstständig tun. Erst um 21.30 Uhr gelingt es uns dank einer grossen Putzaktion die Bude sauber zu kriegen, so dass die Pforten definitiv schliessen können. – Tja, sehr ordentlich waren sie noch nie, unsere Geschwister von der Gasse.

Zu sechst, vier Mitarbeiter und zwei Süchtige, fahren wir schliesslich an die Hoferackerstrasse, wo auch noch vier Franziskaner-Brüder und eine Praktikantin wohnen und wo auch das Büro der Gassenarbeit ist. D. kommt mit, weil sich durch ihre ständige Fixerei ein riesiges Geschwulst an ihrer Ellbogenbeuge gebildet hat und wir sie deshalb in die Notfallaufnahme bringen müssen. Die Ärzte nehmen sich ihrer gut an und können die längst notwendigen Eingriffe noch rechtzeitig erledigen. Das Problem ist aber, dass D. gleich darauf wieder an die Langstrasse rennt um sich wieder einen Knall zu setzen – in die gleiche hässliche Wunde hinein, versteht sich. Na dann Prost! Der andere ist ein junger Mann, der sich, nachdem er sich beim Dealen fast die Hände erfroren hat, endlich für einen Entzug angemeldet hat. Wir filmen seine „letzte Cola-Spritze“ vor dem Entzug um seine Motivation etwas zu erhöhen und um Material für unser Präventiv-Video zu sammeln. Er übernachtet an der Hofackerstrasse im Notfallbett. Wie lange er dort „übernachtet“ wissen wir nicht. Das Bett ist nämlich am nächsten Morgen bereits wieder leer.
Am Dienstagabend fahren Benno und ich mit dem Zug auf die Insel Wird ins Kloster. Der Liebe Gott schaut gut zu seinen Schafen, meint Bruder Benno auf die herrliche Lage der Insel angesprochen. Sie liegt mitten im Rhein, ganz in der Nähe von Eschenz (SG) und ist nur über eine lange Holzbrücke erreichbar. Das Kloster selber erinnert an ein Schulhaus aus den fünfziger Jahren, mit angebauter Kapelle. Zu meiner Überraschung ist das Durchschnittsalter der sechs Brüder viel tiefer als ich erwartete. Ausserdem lebt hier noch ein Ehepaar, das noch auf der Suche nach der passenden Lebensgemeinschaft ist und so lange auf der Insel lebt. Überhaupt ist das ganze Leben im Kloster viel unverkrampfter, als ich mir das vorgestellt habe. Im Gegensatz zu meinen vorherigen Erfahrungen kann ich hier richtig Mensch sein und muss nicht Christ spielen.

Einzig mit der Frühaufsteherei habe ich etwas zu kämpfen. Um halb sieben versammeln sich die ersten Brüder zu Meditation, um sich auf das Morgengebet einzustellen, das um sieben beginnt. Anschliessend an das Morgengebet gibt es als Supplement noch eine Messe, der auch einige Besucher aus Eschenz oder Stein am Rhein beiwohnen – Priester dazu hatt es hier ja genug.

Die Arbeiten im Kloster sind sehr unterschiedlich. Oft bin ich mit Filmen, manchmal auch mit Film schneiden beschäftigt. So helfe ich Bruder Benno beim Drehen des Gassenvideoclips, führe Interviews und übe fleissig die Handhabung der Kamera. Beispielsweise drehen wir ein Präventivvideo zum Thema Cannabis. Dazu laden wir zwei leidenschaftliche Kiffer auf die Insel ein. Und siehe da, durch diese Arbeit erlangt mein Verständnis von „Haschpsychose“ eine komplette neue Dimension. Bei dem erwähnten Interview erstaunt mich vor allem, wie kritisch und echt unsere Kiffis sich äussern – der Zusammenschnitt des Haschvideos fällt dementsprechend abschreckend aus. Wahrscheinlich ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ihre Kifferei mal so aufrichtig reflektieren.

Schlussfazit
Während meines Praktikumseinsatzes erlebte ich als Protestant wahrscheinlich mehr katholische Gottesdienste als der Durchschnittskatholik. Neben Wallfahrtsgottesdiensten, Stundengebeten, Messen wohnte ich auch noch einer Taufe und der Beerdigung eines Süchtigen bei, der übrigens bereits mit 21 Jahren gestorben ist. Ausserdem fuhr ich mit einem Priester und drei superstrengen jungen Katholikinnen unter stundenlangem Rosenkranz-Gebet im Schneegestöber nach Disentis an die Jugendvesper. Etwa dreihundert Jungendliche erlebten dort sehr eindrückliche Gottesdienste und eine ausgezeichnete Stimmung.

Obwohl ich mich auch nach meinem Aufenthalt noch immer nicht genötigt sehe zum Katholizismus zu konvertieren, habe ich doch während dieser Zeit sehr viele bereichernde Erfahrungen gemacht, die ich meinen zwinglianischen Mitbrüdern nur wärmstens empfehlen kann. Unter anderem habe ich begonnen ein kleines Heft herzustellen mit dem Titel „neue Gebetsformen“.

*Haschpsychose nennt man die langfristigen psychischen Veränderungen, die bei erhötem, jahrelangem THC-Konsum auftreten können. Besonders während der Phase des Entzugs.